Andreas Trabitzsch





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Ludwig Seyfahrt: Memory mit tausend Karten
Scheinbar sichtbar  Fotografie als Dokument und Projektion  2002

(….) Eine wichtige Unsichtbarkeit, die bei den Fotos in "scheinbar sichtbar" immer wieder eine Rolle spielt, ist die des Ausschnitts. Was außerhalb des fotografischen Bildfeldes liegt, ist unsichtbar. Das scheint eine Binsenweisheit zu sein, aber die Ausschnitthafigkeit der fotografischen Weltabbildung wurde zunächst als deutliches Manko erlebt. Schließlich fiel die Frühzeit des Mediums in eine Zeit, zu der sich eine Form des Bildes größter Beliebtheit erfreute, die suggerierte, kein Ausschnitt zu sein. Panoramagemälde, die in eigens errichteten Rundbauten ein Massenpublikum anzogen, zeigten "La nature à coup d´oeil", die Natur auf einen Blick: So hatte der schottische Portraitmaler Robert Barker, der das Panorama 1787 als Patent anmeldete, seine Erfindung genannt. Später versuchte man, den illusionistischen Effekt der Grenzenlosigkeit auch fotografisch zu erzielen.
Letztlich könnte alles auf der Welt auf einem Foto landen. Nicht auf einem einzigen, aber auf vielen. Aber lässt sich die Welt durch die Addition ihrer Bilder einholen? Die Vorstellung, die Welt als Ganzes könnte durch Fotos angemessen repräsentiert werden, hielt sich lange. In den 1950er Jahren, als die Dokumentarfotografie vor allem in der Zeitungsreportage eine große Blütezeit feierte, tourte auch die wohl berühmteste Fotoausstellung aller Zeiten um die Welt. Sie wollte nichts Geringeres vorführen als die gesamte Menschheit –
"The Family of Man"
Aber wer repräsentiert die Menschheit? Wer wird ausgewählt und wer nicht? Immer um Korrektur landläufiger Wertungen bemüht ist von jeher eine Spielart der Dokumentarfotografie, die Sozialreportage. Sie zeigt die Armen, Schwachen, Rechtlosen, Kranken – diejenigen, die man normalerweise nicht sieht – und ergreift schon dadurch, dass sie diese Menschen und ihre Lebensverhältnisse ins Bild setzt, für sie Partei. Wie auch andere traditionelle Gattungen des Dokumentarischen, etwa die Architekturfotografie, tritt die Sozialreportage in "scheinbar sichtbar" nicht als direkt erfüllte Form, sondern als reflexiver Bezugspunkt auf. Statt zu "dokumentieren", führen die Fotos und Fotoserien eher auf die Frage hin, wie und ob Dokumentation von Welt überhaupt (noch) oder vielleicht nur subjektiv möglich ist.
(…..) Wie eine Umgebung den Menschen fremd bleiben kann, führt Andreas Trabitzsch mit seiner Serie über eine chinesische Asylbewerberfamilie vor. Die Personen erscheinen undeutlich und verschattet, wie gar nicht anwesend, wie an den Rand gedrückt, der sie umgebende Raum suggeriert Verlorenheit und Leere. Auf die Frage nach ihrem Lebensgefühl in Deutschland kam die Antwort, es sei wie ein "weißes Rauschen im Kopf".
Diesem Gefühl entsprechen als Stilmittel die Ausschnitte und Unschärfen, das Verschwinden fast jeden erkennbaren Motivs. Der Blick ist nicht justiert, das Verhältnis von Nähe und Ferne bleibt diffus. Die Personen wirken wie aufgelöst in einem anderen Aggregatzustand, fast wie lebende Tote. Der Filmtheoretiker André Bazin hat bemerkt, alle Künste beruhten auf der Anwesenheit des Menschen, nur die Fotografie ziehe einen Vorteil aus seiner Abwesenheit. Eine Abwesenheit des Menschen besteht darin, dass Fotos an verstorbene Personen erinnern, auf Grabsteinen erscheinen. (….)