Andreas Trabitzsch





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Eröffnung der Ausstellung ‚Off Corse' von Andreas Trabitzsch im Centre culturel français (Kiel, 7.9.2016) von Ulrich Kuder

Meine sehr verehrten Damen und Herren, lieber Andreas Trabitzsch,

der Gegenstand der Ausstellung, die wir heute eröffnen, überrascht: Korsika. Auf der Insel gemachte Aufnahmen. Wir fürchten touristische Impressionen einer Reise, sind uns aber zugleich bewusst, dass der Künstler, wie wir ihn bisher kennen, Andreas Trabitzsch, seit bald einem Vierteljahrhundert Kunst ganz anderer Art, der jede Oberflächlichkeit und Äußerlichkeit fern ist, ausgestellt hat. Ich erinnere an die große Zurückhaltung, mit der er ernste Themen angegangen ist, an seine Licht- und Schattenkunst, die nicht formalistisch ist, die vielmehr in ihrer zuweilen durch den Einsatz von Spiegeln gebrochenen Transparenz berührt, als würde die vergehende Zeit durch sie sichtbar gemacht. Dies allerdings ohne Vergänglichkeitspathos. Ich erinnere an die Aufnahmen, die er von einem hochbetagten Mann gemacht hat, die nur Bruchstücke zeigten seines Körpers und seiner Möbel und die gerade so ein Inneres und mehr als nur etwas über jenen einen, dem Tode nahen Menschen andeuteten. Auch denke ich an Andreas Trabitzschs Serie ‚Das weiße Rauschen im Kopf'. Diese Serie thematisiert eine chinesische Familie, die Asyl beantragt hatte, ihren Wartezustand, ihre Isolation, ihre zurückgenommenen Bewegungen - Fotografien von großer Empathie, doch, wie gesagt, ohne Pathos, ohne dass Emotion ausgestellt würde.

Man konnte, wenn man Andreas Trabitzsch und seinen fotografischen Umgang mit Menschen und Gegenständen auch nur ein wenig kannte, gespannt darauf sein, wie er sich dem Thema ‚Korsika' stellen wüde. Anderes als den Golf von Porto zu jeder Tages- und Nachtzeit konnte man von ihm wohl erwarten.

Was machte er anders als einer, der vom Urlaub schöne Bilder nach Hause mitbringt? Er machte vielerlei anders, vor allem aber machte er es grundsätzlich anders. Um bei scheinbar Äußerlichem anzufangen: er nahm sich Zeit. Fast drei Monate Korsika, mit einem Beginn in der Vorsaison, als es noch recht kühl war, man jedenfalls noch nicht baden konnte, bis in die Zeit nach Ostern hinein. Die Devise: Weg von der Ansichtspostkarte! war ihm selbstverständlich. Darum mied er eher die Küsten und die Strände, ging ins Innere der Insel mit ihren Bergen, Schluchten, Wasserfällen, zu deren Füßen sich immer wieder kleine Gumpen bilden, in die es sich auch bei Kälte kurz eintauchen lässt. Korsika besteht zu einem großen Teil aus Naturschutzgebiet, allein die Reserve Scandola umfasst 900 Land- und 1000 Seehektar. Gewiss: er stieß auf seinen Wanderungen auf Schönheit ohne Ende, unzählige Aussichten, Motive, überwältigend. Bei diesen Gängen nahm er vieles mit der Digitalkamera auf, wusste sich aber gegen die Verlockungen leichter fotografischer Beute zu wehren, indem er bestimmte Orte, die ihm zur Erfahrung, vielleicht sollte ich sagen: die ihm zum Geheimnis wurden, mehrmals aufsuchte, ehe er schließlich mit seiner Fotoausrüstung analoge Aufnahmen machte.

Bei Andreas Trabitzschs Schilderungen von seinen Wanderungen kam mir der Brief in den Sinn, den Leibniz wenige Jahre vor seinem Tod an seinen Korrespondenzpartner Rémond richtete. Er beschreibt dort, wie er als Fünfzehnjähriger in einem Gehölz bei Leipzig mit Namen Rosendahl spazieren ging und über das mechanistische Weltbild, die Zweiteilung von totem Stoff und formgebendem Prinzip, nachdachte. Der reizvolle Hain des Rosendahls, von plätschernden Bächlein durchzogen, sich in üppig grünenden, blumendurchwirkten Wiesen erstreckend, die von alten, dicht belaubten Bäumen beschattet wurden, in denen eine Unzahl von Vögeln ihr jubilierendes Lied erklingen ließ - diese Rosendahl-Erfahrung brachte Leibniz auf andere Gedanken über die Welt, nämlich auf den, dass alles mit allem zusammenhängt, jedes von anderem mitbedingt ist, weil nichts tot ist, nichts bloß passiv, aber auch nichts ausschließlich aktiv, da es auch bestimmt wird durch anderes. Andreas Trabitzsch nennt, was auf dem Foto festgehalten ist, das für die Einladungskarte zu dieser Ausstellung verwendet wurde, eine Welt für sich: das rauschende Wasser, die Steine, die Ruhe, die unendliche Bewegung und er spricht von der Erfahrung des Eintauchens in diese Einheit.

Allerdings ist es eines, elementare Naturerfahrungen und ein anderes ist es, Kunst zu machen. Kunst ist nicht die Erzeugung von Illusion. Ihr Ziel ist nicht, durch gesteigerte Imitation der Natur eine höhere Weihe zu geben. Wir hätten Andreas Trabitzsch nicht als den jedwedem Pathos abholden Künstler kennengelernt, wenn wir glauben sollten, dass er seine Naturerfahrung in dieser Weise künstlerisch wiedergeben und damit doch wieder beim Cliché, bei der illusionistischen Postkarte landen würde.

Caspar David Friedrich, der als seine Berufsbezeichnung ‚Landschaftsmahler' angab, schrieb einmal: "Wenn der Mahler mit seiner Nachahmung teuschen will als sei er ein Gott; so ist er ein Lump. Streibt er aber bei der Nachahmung der unerreichbaren Natur nach edler Wahrheit so ist es zu achten. Eben darin liegt ein hoher Genuß für den Menschen wenn das Kunstwerk sich gleich als Menschenwerk darstellt und nicht als Gott, als Naturwerk teuschen will." Dies besagt, dass die Kunst gegenüber der Natur allemal im Nachteil ist - die Natur ist unerreichbar - und dass sie der Natur gegenüber überhaupt nur eine Chance hat, wenn sie als Menschenwerk auftritt. Das heißt, wenn sie die beschränkten Mittel, die sie hat, nutzt und aus der Not eine Tugend macht. Die Natur ist unendlich, die Kunst ist begrenzt, die Natur ist vielfältig, in der Kunst lässt sich zwar immer wieder etwas Neues entdecken, dennoch bleibt sie überschaubar. Die Natur ist bewegt, die Kunst, das Bild jedenfalls, bleibt unveränderlich, wenn es nicht zerstört wird. Die Natur ist voll Geräusch - das Wasser, das Vogelgezwitscher - das Bild leibt stumm. Dies alles sind Defizite, gerade auch des Fotos, gegenüber der Natur.

Andreas Trabitzsch ergreift diese Nachteile als Chance. Die Unveränderlichkeit des Bildes, zusammen mit seiner Abgeschlossenheit, Begrenztheit ermöglicht Fokussierung und Konzentration. Darauf sind seine Bilder gegründet als Komposition und Abstraktion. Zur Abstraktion gehört auch der bewusste Verzicht auf Benennung und Ortsangaben. In welcher Ortschaft, bei welchem Fort oder an welchem Golf die Aufnahmen entstanden sind, ist irrelevant. Dabei lässt er dem aufgenommenen Landschafts- oder Architekturdetail sein Sosein. Nichts wird verändert. Für mich ist dies besonders augenfällig bei dem Foto der einfachen, wellblechgedeckten Hütte. Der schräge Stab links wurde so vorgefunden, nicht etwa vom Künstler eigens arrangiert. Er ist nicht nur formal für die Bildkomposition wichtig, sondern auch inhaltlich für die dargestellte Situation. Der Besitzer hat nämlich seine Hütte verlassen und die Tür mit dem schrägen Balken verschlossen.

Die Natur ist vielstimmig, das Bild ist stumm, sagten wir. Doch lassen manche Bilder den Betrachter die zugehörigen Geräusche imaginieren. Die Kiesel am Meer, die von den vor- und zurücktretenden Wellen erfasst werden, bringen ein hartes Rollen hervor. Hrrrhrr. Der feste, eingefrorene Charakter der horizontal, bildparallel gesetzten Welle trägt zu der Suggestion dieses Geräusches bei.

Die bewegungslosen Bilder werden in dieser Ausstellung auch durch die Hängung lebendig. Diese hat der Künstler gut überlegt. Gemischt sind digitale und analoge Fotos, Farbaufnahmen und schwarz/weiße, Hoch- und Breitformate, doch alle in derselben, diesem Ausstellungsraum angemessenen Proportionierung. Die Farbigkeit der Farbaufnahmen geht auf die Schwarz/weiß-Fotografien über. Gruppen bilden sich, auch Kontraste, bewusste Gegenüberstellungen von Bildern auf der Fensterseite mit solchen auf der den Zimmern entlang führenden Wand. Die Besucher und Studierenden des Centre culturel français gehen diese Wände entlang, beachten die Bilder oder auch nicht. Die Natur drängt sich oft auf, manchmal bedrohlich. Die Kunst aber ist unaufdringlich. Die von Andreas Trabitzsch macht sich vernehmlich durch die Stille.