Andreas Trabitzsch





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Jens Martin Neumann I Kunsthistoriker I Kiel

Der Bunker-D ist heute ein Ort der Kunst. Er ist aber zugleich ein Mahnmal des Krieges, in dem damals viele Menschen Zuflucht fanden. Und diese, neuerlich aktuelle und beschämend brisante Thematik "Asyl-Bieten" ist es, die Andreas Trabitzsch in seiner Ausstellung beschäftigt.

Andreas Trabitzsch ist ein großartiger Zeichner und ein poetischer Fotoerzähler. Er verfolgt mit kritischem Engagement die Geschehnisse unserer Zeit und den Status unserer Gesellschaft, die er kommentierend und erläuternd begleitet. Sein großes Thema ist der Mensch in seinem existenziellen Sein, verbildlicht in Serien zu ganz widersprüchlichen Erfahrungen von Fremdheit und Eigenart. Er verschränkt in seinem Werk zwei verschiedene Bildmethoden zu einer neuen, stark narrativen Einheit, in der er experimentelle fotografische Wiedergabe und gestische, abstrakte Zeichnung als zwei gleichberechtigte, einander hinter-fragende Möglichkeiten sowohl des bildnerischen Ausdrucks als auch der visuellen Wirklichkeitsaneignung vorführt. Andreas Trabitzsch adelt dabei eine eigenwillige, stark empfindsame, vorrationale Handhabe des Bildes als Mittel seiner Kunst: den schön spröden, urtümlich suchenden und in sich versunkenen Strich und eine einfache analoge, in merkwürdigen Perspektiven, Ausschnitten und Unschärfen beiläufig wirkende Fotografie, vor allem aber die Perspektive des verwundert und neugierig auf Mensch und Umwelt blickenden Beobachters.

Fotokunst findet hier im Erzählen statt. Sie ist bei Andreas Trabitzsch eine Form der aufmerksamen Wahrnehmung des Menschen, etwa in der Fotomappe ein verwinkeltes Archiv von 1990/ 92, deren Andruckbogen gemeinsam mit einer monumentalen Porträtsilhouette präsentiert wird. Er erstellt in spiegelhaften Schattenwürfen, ungewöhnlichen Lichtintarsien, atmosphärischer Verzerrung und Raumbrechung eine Sammlung von Lebensspuren mit der schmerzlichen Patina der Vergänglichkeit. Das einsam verrinnende Leben eines alten Mannes steckt in jedem Zimmerwinkel, nur er selbst ist kaum im Bild zugegen. Diese berührende Arbeit sendet uns einen letzten Gruß aus einer abgeschlossenen, sterbenden Welt.

An größter Intensität gewinnen Andreas Trabitzschs Arbeiten eben immer dann, wenn sie aus der unmittelbaren persönlichen Einfühlung in die humanen Dimensionen der Zeitgeschichte entstehen. Ab 1996 hat er über zwei Jahre eine chinesische Familie begleitet, sie in ihrem einzigen Zimmer besucht. Mit geheimnisvollen Durchblicken, angeschnittenen Gesichtern und frei gestellten Händen, mit Negativen von Tischbeinen, Lichtreflexen auf dem Fußboden und wabernden Schlagschatten gelingt es Andreas Trabitzsch, die Asylbewerber behutsam in ihrem stummen Gespräch mit der Fremde darzustellen, zugleich auch, wirkmächtige Metaphern für das weiße Rauschen im Kopf zu finden - ihre Antwort auf die Frage, wie es ihnen anfangs in Deutschland erging. Eine solche, ganz aus dem Miterleben entstandene Überlieferung ist der gelungene Versuch, fremdes Leben zu erfahren und respektvoll festzuhalten, ohne an dessen Geheimnissen zu sehr zu rühren.

In seinen Afrikabildern fragt Andreas Trabitzsch nach den deutschen Klischees und kolonialen Stereotypen vom schwarzen Kontinent. Er hat alte Diapositive von einer Reise in den Senegal aus den 1980er Jahren auf eigene Collagen projiziert und analog abfotografiert. Motive aus den Elendsquartieren in Dakar, Folge der Abwanderung aus den heimatlichen Dörfern, verbinden sich mit der Erkundung der eigenen Erinnerung, die ebenso überblendet und unscharf wird, verschwimmt und vergilbt. Diese Farbfotografien, quasi hinterlegt mit pastosen Flächenmustern und überzogen von streifigen Linienformationen, erweisen sich darüber hinaus als bedeutsame Klammer um Fotografie und Zeichnung.

Zeichnen ist für Andreas Trabitzsch ein gleichartiges Einsammeln künstlerischer Erfahrungsschichten, die sich als Ablagerungen eines biografischen und anek-dotischen Erinnerns in das Papier eingraben. Seine Zeichnungen mit Grafitstift, Tusche und Gouache sind scheckige monochrome Grauteppiche, gequert von farbsatten Balken teils auf nassem Papier und gefleckt mit fransigen Farbinseln, ohne formale Hierarchie im Bildaufbau, allein von rotierenden Linien, gestreuten Kritzeleien und mäandernden Strichgeflechten grafisch organisiert - informelle Bilder einer dergestalt entfremdeten inneren Topografie. Andreas Trabitzsch ist wirklich durch und durch Zeichner, seine Arbeiten werden getragen von den Grundwerten der Grafik, jenem schwellenden Strich, der vernetzten Lineatur, dem dominanten Helldunkel und der räumlichen Transparenz.

Zu seinem Konzept täglicher Fingerübung gehören auch die Blindzeichnungen; mit geschlossenen Augen, locker auf den an die Wand gelehnten Zeichengrund geworfen. Die blinde, gleichsam "entriegelte" Ausführung führt zu ruppigen, taumelnden Zeichen-Stakkatos in luftig linearem All Over, im größeren Format zur Verlagerung des Bildprozesses ganz in die körperliche Zeichenmotorik. Ziel ist es, die anerzogenen Gewohnheiten der Hand abzulegen, die Rücknahme der sozialisierten Bildkontrollen zu üben und dem Zufall wie dem Unbewussten Raum zu geben, um ungekannte, unterdrückte Bilder und Landschaften zutage zu fördern.

Seit Jahren sinnt Andreas Trabitsch über Fotografie und Zeichnung nach und untersucht in unverbrauchten Kombinationen - der gleichwertigen Zusammen-stellung von Fotos und formverwandten Zeichnungen oder der Montage von zerschnittenen Fotofragmenten auf gezeichneten Ausrissen - das Wesen beider Gattungen, ihre Unterschiede wie Gemeinsamkeiten, mit der Absicht, traditionell streng getrennte und konträr wahrgenommene Darstellungsformen in einen neuen Kontakt zu bringen. Voraussetzung ist die vorsichtige Angleichung beider Bildverfahren, indem den fotografischen wie zeichnerischen Arbeiten eine identische künstlerische Sichtweise zugrunde liegt. So herrscht in den Gartenfotografien ein abstrakter, grafischer Blick, der den Naturraum als reine Linienkomposition interpretiert. Dann transformieren die quasi unscharfen, als Spiegelungen aufgenommenen und zu monumentalem Close Up heran gezoomten Sträucher zu informellen, im Rhythmus des Astwerks ausgeteilten Strichgeflechten, zu einem nur noch floral anmutenden Ornament.

Erstaunlich die immer wieder zur Anschauung gebrachte Nähe beider Medien: Grundlage ist die künstlerische Einsicht, dass es sich in beiden Fällen um Bilder handelt, wichtigstes Instrument die konzeptuelle Gleichheit der Bildmittel: Die Elemente der Zeichnung funktionieren bei Andreas Trabitzsch genau wie Motive der Fotografie; gezogene Linie, manuelle Schraffur und getuschte Dunkelfolie erbringen gleichartig Liniennest, Muster und Flächenteilung wie dokumentierte Äste, Stuhlbeine oder Raumwände. Diese entfremdete Fotografie liefert Aus-schnitte aus Zeit und Raum, die Zeichnung ihre gestischen Extrakte.

Jedes Bild ist hier Sediment einer bruchstückhaften Selbst- und Welterkundung, das gilt auch für die Projektion verbrannter Raum, der zornige Versuch, sich der ungeheuerlichen Tat des Brandanschlags auf eine Lübecker Kirchengemeinde aufgrund des gewährten Kirchasyls in abstrahierten Bildern des zerstörten, rauchgeschwärzten, geschändeten Waschraums noch irgendwie anzunähern. Ein Konzept von Kunst, das die künstlerische Handlung als Akt des sozialen Lebens begreift, bewegt sich nicht länger in den Grenzen, die den Bereich des Ästhetischen traditionell umschließen, sondern es dringt unmittelbar in die Lebenswelt des Betrachters vor. Und damit stehen wir heute Abend nicht nur vor Kunstwerken, sondern zugleich inmitten der Resultate des Lebens.