Andreas Trabitzsch





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Thilo Koenig
aus: Materialverlag – HFBK Hamburg 1972 – 2006

ein verwinkeltes Archiv führte die sozialkritische Linie des Materialverlags auf zeittypisch veränderte Weise weiter. So wie sich schon material 37 und 71 und diverse unpublizierte Diplomarbeiten dem sozialen Alltag alter Menschen gewidmet hatten, thematisierte auch Andreas Trabitzsch die abgeschiedene Lebenswelt eines alten Mannes, den er begleitete und 1990 -92 in seiner Wohnung fotografierte. Im Gegensatz zu früheren direkt abbildenden Ansätzen wählte er jedoch ein experimentelles, inszenierendes Bildkonzept, das zu eher verrätselten und zuweilen fast unkenntlichen Fotografien und damit zu einer drastischen Abkehr vom Sozialklischee führte.

material 82 ist wie bereits 13, 32, 34, 43a und 79 eine nicht gebundene Portfolio-Publikation.
Trabitzsch, der bei Dietrich Helms Malerei und Zeichnung und bei Kilian Breier und Silke Grossmann Fotografie studiert hatte, wählte diese Form, da er seine für Ausstellungen auf großformatigen Weißflächen in Einzelgruppen angeordneten Fotos in Originalmaßstab und -qualität in den Druck übertragen wollte. Als Buch hätte dies zu einem Überformat geführt und die Bildtafeln gleichzeitig in einer Reihenfolge festgelegt. Das objekthafte Künstler- Portfolio hingegen ermöglicht auch eine freie Gruppierung – oder die Betrachtung als Einzelobjekt.
Trabitzsch hatte in der Wohnung des alten Mannes Spiegel platziert, die sowohl Licht in den Raum reflektierten als auch seine indirekte Beobachtung in fragmentarischen, auch gebrochenen Spiegelbildern ermöglichte. Deren perspektivische Raumbrechungen und der diskrete Blick des Fotografen auf Details, häufige Rückenansichten sowie überstrahlte Lichtzonen, Schatten oder Unschärfen ermöglichten – wie eine "Dekonstruktion" der Spiegelräume von Florence Henri -, dass die Person kaum direkt dem Blick des Betrachters vorgeführt wird. Eher zeigt Trabitzsch sie in einem "Empfindungs- und Beziehungsraum", der mehr aus dem "Gefühl einer Entfernung zur Person" als aus dem messbaren Raum entsteht,- wie Silke Grossmann es ausdrückt, deren eigenem fotografischem Konzept Trabitzsch mit seinem Ansatz nahe stand.

Die nur mit einer Nummerierung versehenen querformatigen Blätter mit je bis zu vier, meist hochformatig dicht nebeneinander stehenden kleineren Fotografien im Duplex-Verfahren (Lithografie: Dieter Kirchner, O.R.T., Berlin) werden von einem Textblatt mit einem knappen, poetischen Kommentar von Dietmar Becker ergänzt.(…)